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Gedanken zur Architektur

Die Welt besteht aus einer unendlichen Vielfalt von Wesen und Dingen, die zu jeder Zeit von den gesellschaftlichen Situationen  geprägt wird.

Durch die Baukunst werden in unser Lebensumfeld sichtbare Zeichen gesetzt, die das Historische mit dem Neuen geschichtlich verbinden.

Angesichts der verschiedenen Entwicklungen gehört es zu den wichtigen Aufgaben der Menschen, sich mit den vielfältigen Identitäten des Lebens auseinander zu setzen und verantwortungsbewusst auf sie zu reagieren.

Die Orgel in der St. Marienkirche Alt Spandau setzt ein neues Zeitzeichen deutscher Orgelbaukunst und stellt ein interessantes Bindeglied zwischen klassischen Bautraditionen und heutiger Architektur dar.

Sie verkörpert sinnbildlich eine musikalische Komposition.

Der Eleganz des klassischen Charakters wird durch die Anordnung der einzelnen Werke entsprochen, wenngleich die Ausdrucksformen den neuen Zeitgeist einer organisch gewachsenen Skulptur widerspiegeln.

Die geschwungenen Türme und Einzelfelder wurden so gestaltet, dass sie sich zu einer harmonischen Gesamtheit verbinden und dem Kirchenraum einen spannungsvollen und gestaltenden Akzent geben.  

Tibor Kiss
Dipl. - Innenarchitekt


Entwurfszeichnung von Tibor Kiss


Die Klassische Deutsche Orgel – Ein neues Klangkonzept

Die Orgelstadt Berlin beherbergte vor dem Krieg eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Instrumente aus den einzelnen Epochen der deutschen Geschichte.

In dieser interessanten Orgellandschaft hinterließ der Zweite Weltkrieg unwiederbringliche Lücken, die nach 1945 zu einem großen Teil durch neue Instrumente ersetzt wurden.

Mit dem Orgelbau in der St. Marienkirche Alt Spandau möchten wir die Klassische Deutsche Orgel aus dem Hause Schuke vorstellen.

Unser musikalisches Konzept geht von einem Klangspektrum aus, deren farbenreicher Kern mitteldeutscher Prägung in eine gewachsene sinfonische Breite und Klangfülle übergeht.

Die klanglichen Merkmale

In dieser Konzeption wird die polyfone Zeichnungsfähigkeit der Einzelstimmen stark herausgearbeitet, ohne die im sinfonischen Sinne wünschenswerte Klangverschmelzung zu beeinträchtigen.

Kennzeichnendes Merkmal ist, dass die prägnanten Einzelstimmen innerhalb der gesamten Disposition über eine sehr hohe Mischungsfähigkeit untereinander verfügen.
Da auch musikalische Ausdrucksformen seit vielen Jahrhunderten ständigen Veränderungen unterliegen, haben sich ebenso in der Orgelmusik  eine Vielzahl individueller Qualitäten und Prägungen entwickelt.

Weil aber der Maßstab hoher Kunst die Vielfalt ist, stellen in diesen Bereichen Verallgemeinerungen und Universalitäten gleichzeitig die Verarmung der Künste dar.

Die hohe Kunst des neuen Stiles

Die Klassische Deutsche Orgel ist auf polyfones Spiel und sinfonische Interpretationen ausgerichtet.

Dabei bezieht sich die wachstumsfähige, schwellbare Klangkraft auf das gesamte Instrument und nicht auf einzelne Teilwerke, so dass hier ebenso die hohe Kunst des Registrierens erforderlich ist.


Die Besonderheiten in Berlin Alt Spandau


Die breite 8’ - Basis des Hauptwerkes mit Principalchor, Streicherchor, Flötenchor und Zungenchor erhält mit der Flaut douce 8’ eine ungewöhnliche Bereicherung.

Dieses Register aus der Flötenfamilie wird als gedrechselte Holzflöte hergestellt, die klanglich einem Blockflötenchor ebenbürtig ist.

Das Hauptwerk bildet, wie schon der Name sagt, mit dem Principal 8’ sowie dem weitergeführten Chor Octave 4’, Quinte 2 2/3’, Octave 2’, der Mixtur und Cymbel das klangliche Rückgrat der Orgel.


Das Schwellwerk erfüllt den korrespondierenden Charakter zum Hauptwerk und bereichert die Klangfülle mit Farbregistern,  Aliquoten und Solostimmen, so dass eine Vielzahl barocker, romantischer und zeitgenössischer Musik darstellbar wird.


Hier gibt es drei Besonderheiten, die für Berlin einmalig sind:

1. Das Werk  erhält einen Holzprincipal 8’  im Inneren des Schwellers und einen außenstehenden Praestant 8’ als Doppelprincipal. Eine solche Kombination ermöglicht vorzügliche Differenzierungsmöglichkeiten, besonders für romantische Kompositionen.

2. Die Doppelrohrflöte 8’ ist ein Register, welches aus dem 19. Jahrhundert und  der Tradition unseres Hauses stammt. Sie soll in der St. Marienkirche einen unverwechselbaren Akzent durch ihre Fülle und ihren prägenden Obertonaufbau setzen.

3. Die dritte Besonderheit ist die Fanfaro 8’ horizontal,

welche oberhalb des Spieltisches waagerecht aus dem Orgelgehäuse herausragt.
Sie ist nicht schwellbar und bereichert den Zungenchor des zweiten Manuals.

Die Fanfaro ist eine exzellente Solostimme, die sowohl im Triospiel gegen das Hauptwerk als auch in den verschiedensten Mischungen mit den Schwellwerksregistern Verwendung finden kann.


Das Pedal, vom Organisten mit den Füßen zu spielen, enthält die tiefliegenden Bässe des Instrumentes, deren gravitätische Fülle die beiden Manuale klanglich untersetzen. Auch hier findet sich ein Principalchor, ein Flötenchor, ein Streicherchor und ein Zungenchor, so dass die Bassfunktion passend zu den Manualregistrierungen gewählt werden kann.

Das Instrument ist mit einer rein mechanischen Tontraktur sowie einer mechanischen Registertraktur ausgestattet. Es ist so konstruiert, dass der spätere Einbau einer Setzeranlage problemlos möglich ist.

Möge die St. Marienkirche in Alt Spandau mit ihrer neuen Orgel auf unverwechselbare Weise eine Anregung für Geist und Sinne sein, zum Singen und Musizieren einladen und das Soli Deo Gloria würdevoll in die  kommenden Zeiten tragen.    

Matthias Schuke
Orgelbaumeister