Counter




























Im Juli 2002 erhielt die Berliner Firma Kindermann, spezialisiert auf Bauwerkssanierung und Malerarbeiten, den Auftrag, die Kirche St. Marien am Behnitz sowohl  im Außen- als auch im Innenbereich instand zu setzen und sanieren. Dabei war zunächst nicht eine komplette Sanierung und Restaurierung geplant, sondern lediglich an reine bauwerkserhaltende Maßnahmen gedacht. Doch erste Untersuchungen haben schnell ergeben, dass eine aufwendigere Sanierung angebracht war. Da keine gravierenden baulichen Eingriffe notwendig waren, wurde kein Architekt hinzugezogen. Das leitende Bauunternehmen Kindermann hat die Arbeiten in Kooperation mit einer ganzen Reihe weiterer Firmen in nur einem Jahr ausführen können. Die Baumaßnahmen wurden während des gesamten Prozesses mit dem Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde abgestimmt.



Die Erneuerung des Kirchendaches gehörte zu den dringendsten Aufgaben der Instandsetzung und war von Anfang an Bestandteil der Planungen.

 

Die Außenfassade war über die Jahre durch Umwelteinflüsse stark in Mitleidenschaft gezogen: Klinkersteine fehlten, waren beschädigt oder stark nachgedunkelt. Um den Klinkersteinen ihre ursprüngliche Farbintensität wieder zurückzugeben, wurden die Außenwände mit einem Sandstrahlgerät bearbeitet. Dadurch wurden weitere Beschädigungen des Fugenbildes sichtbar. Über eine Spezialfirma, die die Klinkersteine im passenden Farbton herstellen konnte, wurden die fehlenden oder beschädigten Steine ersetzt. Durch die zusätzliche Wiederherstellung des Fugenbildes konnte eine optisch gleichmäßige Außenfläche hergestellt werden, die mit einem Graffitischutz überzogen wurde.

Besonders hervorzuheben ist, dass sich der Bauherr – angeregt durch früheres Bildmaterial – dazu entschlossen hat, die vier kleinen Türmchen und ihre Auflagen an der Eingangsfassade der Kirche wieder anfertigen und an ihren ursprünglichen Platz setzen zu lassen. Die Kirche zeigt so schon von weitem wieder ihren historisch charakteristischen Umriss. Im Bereich der Apsis wurden die beiden Fensterdurchbrüche, die im Zuge der Restaurierung in den 60er Jahren zugemauert worden sind, erneut geöffnet. Auch hierfür mussten ähnliche Steine für die Rundbögen nachgebildet werden.

Im Eingangsbereich wurden Granitstufen aus alten Beständen aufgemauert und neue Fliesen gelegt. Neben den Stufen wurde ein behindertengerechter Aufgang geschaffen und dafür das Kirchenplateau mit der für dieses Gebiet typischen gelben Erde aufgeschüttet. Die neuen Fenster sind nun durch Außengitter geschützt.



Für den Innenraum war zunächst nur ein neuer Farbanstrich ins Auge gefasst worden. Im Verlauf der ersten Besichtigungen durch die leitende Baufirma stellte sich jedoch immer mehr heraus,  dass der Putz im unteren Sockelbereich stark beschädigt war und die Kirche einen hohen Grad an Mauerwerksversalzung aufwies. In der Vergangenheit ist von unten Feuchtigkeit in das Mauerwerk eingedrungen, was zu starken Abplatzungen an den Wänden geführt hat. Eine Bearbeitung der Putzoberfläche war auf dieser Basis nicht möglich. Die Mauerwerkstrockenlegung erwies sich in den ersten Monaten der Sanierung daher als eine wesentliche und sehr aufwendige Arbeit. Nachdem der Putz im unteren Bereich abgeschlagen worden war, zeigte sich, dass die Versalzungen vom Umfang her wesentlich größer waren als angenommen. Daher entschloss sich der Eigentümer den Putz komplett abschlagen und völlig neu aufbauen zu lassen. Die aus diesem Anlass eigens hinzugezogenen polnischen Restauratoren, die dann auch die gesamte Restaurierung und Erneuerung der Wandmalereien und des Kirchenmobiliars übernommen haben, konnten keinerlei Spuren früherer Farbschichten unter dem Putz finden. Die Renovierung der  Kirche Anfang der 60er Jahre, die ebenfalls eine Erneuerung des Putzes vorgenommen hatte, hat offenbar sämtliche bisherigen Farbspuren getilgt.

Die Trockenlegung des Mauerwerks erfolgte durch horizontale Bohrungen. In die z.T. über 1 m dicken Außenwände, wurden in engen Abständen von außen und innen Löcher gebohrt, in die eine feuchtigkeitsdämmende Masse injiziert wurde. Um die Oberfläche abzubinden und um zu verhindern, dass der versalzte Stein austritt, musste zusätzlich Sulfatschlemme aufgetragen werden. Da sich beim Mauerwerk große Rissbildungen und Beschädigungen der Fugenmasse zeigten, waren spezielle Gewebematten nötig, um große horizontale und vertikale Risse zu stabilisieren und Spannungen im Mauerwerk zu beheben.

So waren weit über 1.400 qm an speziellem Gewebe nötig, um die Kirchenwände nicht nur zu festigen, sondern in ihrer Struktur auch besonders glatt wirken zu lassen. Der Putzaufbau erfolgte dann in mehreren Arbeitsgängen. Dabei musste nicht nur mit Hilfe von Schablonen und Gestellen gearbeitet werden, sondern der Putz auch in unterschiedlich dicken Schichten aufgetragen werden. Nur so war gewährleistet, dass bei Wänden und Rundbögen, die zum größten Teil nicht im Lot saßen, eine gleichmäßige Oberfläche hergestellt werden konnte. Diese Arbeitsgänge bedeuteten nicht nur einen hohen Mehrverbrauch an Material, sondern auch einen gewaltigen Zeitaufwand, denn zwischen den Arbeitsgängen mussten langwierige Trocknungsphasen eingeplant werden.

 

Erst nach dem kompletten Putzaufbau waren die Kirchenwände für die Stuckarbeiten bereit. Die meisten Elemente wurden auf den Wänden von Stuckateuren mit großen Schablonen von Hand gezogen. Die Spitzen und Enden sowie die Übergänge von den Stuckelementen zur Wand wurden ebenfalls mit der Hand modelliert. Da die Arbeiten zum größten Teil im Winter erfolgten, reichte die vorhandene Heizungsanlage für die Trocknung nicht aus. Um die Kirche also bei den Putz- und Stuckarbeiten ausreichend zu heizen, wurde mit großen Wärmegebläsen und Heizkanonen gearbeitet.

Da auch in Zukunft die Luftfeuchtigkeit besser geregelt werden sollte, wurde die bisherige Heizung mit einem großen Gebläse und einer modernen Belüftungsanlage ergänzt.

Da die alte Empore für wesentlich kleinere Orgeln konzipiert war und die große Last der neuen Orgel nicht tragen konnte, mussten Stahlträger eingezogen werden. Ein ähnliches Problem ergab sich für den neuen Altar, für den ein Fundament gegossen werden musste. Ansonsten aber blieb der bisherige Boden in altem Zustand erhalten und wurde lediglich aufgearbeitet.

Völlig neu dagegen musste die Elektrik ausgebaut werden. Sowohl die Orgel als auch die vielfältigen technischen Anlagen, die für kommende Veranstaltungen vorgesehen sind, benötigen einen hohen Stromkreis. Dies gilt ebenfalls für die neue Belüftungsanlage und die schweren neuen Messinglampen, die nicht mehr mit einer einfachen Kurbel bedient werden können, sondern mit elektrischen Kettenzügen. Da die Kirche in Zukunft auch für größere Veranstaltungen genutzt werden kann, wurde auch an einen kleinen Sanitärbereich gedacht.

St. Marien am Behnitz wurde in den Jahren 1894/95 von der Firma Buhl in Breslau und einigen anderen Handwerksunternehmen vollkommen neu ausgestattet. Mehr als 100 Jahre später, der Zufall wollte es, beauftragte die Firma Kindermann Paweł Kopaczyński und seine Restauratorengruppe Artis aus Breslau damit, St. Marien am Behnitz zu restaurieren und teilweise neu zu gestalten. Artis, das sind zum einen Absolventen der Konservatorenschulen Krakau und Thorn, aber auch Leute, die durch langjährige Praxis zu Restauratoren geworden sind. Mit einem je nach Auftrag wechselnden Team von Spezialisten hat Kopaczyński in Polen bereits seit rd. 15 Jahren schwierige und komplexe Restaurierungen im Bereich des Denkmalschutzes durchgeführt. Zu den wesentlichen Aufgabengebieten gehören die Restaurierung und Erneuerung von Fassaden, Stuckelementen sowie kleinerer Objekte wie z.B. Skulpturen oder Altäre. Ferner werden Wandmalereien und Vergoldungsarbeiten ausgeführt. Es sind meist Baudenkmale wie Schlösser, Bürgerhäuser, Kirchen und große Portale um die sich die Restauratoren bemühen. Zu den größeren Projekten gehört die Erneuerung der Malereien im eindrucksvollen Treppenhaus der Universität Breslau oder die Wiederherstellung einer Fassade der Oper, ebenfalls in Breslau.

Im Fall von St. Marien am Behnitz waren an der aufwendigen Restaurierung der gesamten Innenausstattung, einschließlich aller Kunstwerke und der Neufassung der Wandmalereien ca. 60 Restauratoren beteiligt. Um die Arbeiten in der gegebenen kurzen Zeit von kaum mehr als einem halben Jahr bewältigen zu können, wurde praktisch die gesamte Ausstattung der Kirche (Altäre, Kirchenbänke, Holzfiguren) nach Breslau überführt und dort mit größter Kompetenz und Liebe zum Detail restauriert. Mit dem Mobilar, das in der Kirche verblieben war, wie z.B. dem Beichtstuhl, verfuhr man ebenso.

Der Bildhauer Ryszard Zarycki, ebenfalls von der Firma Artis, hat die vier neuen Türme (Fialen) aus Sandstein handgemeißelt und einen Kreuzweg im Innern der Kirche gestaltet. Es sind 14 Sandsteinplatten, auf denen Broncereliefs angebracht sind, die den Leidensweg Jesu zeigen. Die Fertigung der acht Messingleuchter wurde von Artis an eine kleine Werkstatt in Breslau vergeben, die die neuen Lampen entworfen und nach dem traditionsreichen Verfahren des Repunzierens handgefertigt hat. Mit verschiedenen kleinen Meißeln oder auch Hämmern, den sogenannten Punzen, werden auf einem Sandkissen Bleche entweder geformt oder mit Mustern versehen.

Diese Technik war schon im Altertum bekannt und wurde im Mittelalter bei der Herstellung von kleineren Kultgegenständen angewandt. In der Renaissance wurden mit dieser Technik Waffen, Rüstungen und Pokale verziert bis man dann im Barock Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs aus Kupfer und Messing wie z.B. Krüge oder Lampenschirme damit bearbeitete.

Helmut Kißner